Meine 7 Jahre mit dem Japaner
Abstract

Was wissen wir über uns selbst, über einander, über die stimmlosen Dinge, die uns begleiten? Was kann über einen Menschen nach langer Zeit herausgefunden, gesagt, gezeigt werden, was bleibt für immer im Dunkeln?
Am Anfang steht ein goldenes Kästchen, ein sogenanntes Takamakie-Lackkästchen. In den frühen Tagen des 20. Jahrhunderts in einem kleinen Geschäft in Kyoto erworben, wird es zusammen mit diversen Bücherkisten, gesammelten Kunstgegenständen und der Garderobe seines Besitzers eingeschifft und gelangt auf dem Seeweg nach Antwerpen, von dort weiter in ein kleines Dorf im Schweizer Fricktal, wo es auf einem staubigen Dachboden landet. Einige Jahrzehnte später steht es auf der Frisierkommode einer jung verheirateten Frau, wo es die Neugier eines kleinen Mädchens weckt. Das Mädchen wird zur Frau, die Frau macht sich, wieder Jahrzehnte später, daran, seine Geschichte zu erzählen. Wieder reist sie durch die Jahrhunderte, nur diesmal in umgekehrter Richtung, reist nach Paris, Rouen, Moskau und kommt schließlich in Kyoto an. Sie sucht die Straßen, durch die ihr Großonkel Wilhelm, der Besitzer des Kästchens, noch mit der Rikscha fuhr. Sucht seine verhallenen Schritte, seine vermuteten Gedanken, erschließt seine Beweggründe… Was sie findet, bleibt bruchstückhaft, wird fassbar und entzieht sich wieder. Doch jedes einzelne Dokument, jede zufällige Begegnung sind prall gefüllt mit Leben.

Lisa Kärcher Lektorin, Dramaturgin, Wien

Textauszug aus dem Manuskript

«Wir erinnerten uns. Diejenigen von uns, die nicht zu spät geboren waren, die sich an die Erzählungen der Alten erinnerten. Er sei immer gerne nach Hause gekommen. Da war er schon alt. Wenn sie alt sind, kommen sie wieder. Aber er ist nicht bei uns geblieben. Ihr habt keine Ahnung von der Welt, und ist wieder fort gegangen. Das Essen seiner Mutter habe er nicht vergessen, Kartoffelstock mit Rippli und Bohnen. Der japanische Koch, Kartoffelstock mit Rippli und Bohnen, besser als seine Mutter, so gut habe der gekocht. Auf dem Foto waren zwei Köche. Wir wussten nicht, welcher der Ripplikoch war. Vielleicht konnten beide sein Leibgericht kochen. Auf dem Foto stehen sie vor seinem Haus, einem langgestreckten Holzhaus. Zwei Köche, zwei Hausdamen. Oder sind das etwa seine Ehefrauen, seine Geliebten? Das sind nur Angestellte, sagen wir, damit wir nicht auf falsche Gedanken kommen. Seine Hausangestellten, zwei Köche, zwei Hausdamen, ein Gärtner und ein Rikschafahrer. Unser Wilhelm, den alle nur den «Japaner» nannten, durfte nie zu Fuss gehen. Er musste sich in den Karren setzen, ein Mann diente als Pferd und zog ihn durch die Strassen, bis an sein Ziel. Was für eine Schande, so durch die Strassen gezogen zu werden. Was für ein Land. Wir wussten nichts, wir hatten nur die Erzählungen. Das goldene Lackkästchen.»

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